Eight-by-Ten

Januar 2020 – Der Start

Ich werde von Januar bis Dezember 2020 in dieser Strecke nur Portraits zeigen, die mit der 8×10 Großformatkamera aufgenommen wurden. Jeden Monat 2-3 Portraits, wobei ich alte Aufnahmen mit neuen mischen werde. Das Besondere an dieser Strecke ist, dass alle hier gezeigten Personen mir bekannt sind, im Gegensatz zu den Personen in den Strecken von 2019, wo ich – bis auf Verwandte und Kollegen – nur wenige kannte.

Es gab für die Porträtierten keine Anweisungen, nur den Hinweis, dass ich sie vor einem neutralen Hintergrund mit einer großen Kamera fotografieren werde und sie etwas Zeit mitbringen sollten. Auch hier stand für mich im Vordergrund, der Versuch einen/meinen visuellen Ausdruck des menschlichen Daseins in einem einfachen Portrait zu erfassen – es ist für mich das gleiche Ringen, „… um das Wesen des Lebendigen …“ wie Patricia Rubin in „Gesichter der Renaissance“ zur Portraitmalerei geschrieben hat.

Der Start beginnt mit einem Stillleben (Foto 1) und dem Licht meines Lebens (Foto 2, 3, 4 links). In unregelmäßigen Abständen werde ich auch weiterhin Stillleben dazwischen legen. Diese Strecke „wächst“ online. Ich bin selbst gespannt, wie sie im Dezember 2020 aussehen/enden wird.

Angewandte Technik: Als 8×10‘ Planfilme: den Tmax 400 und den HP5+. Die Toyo 8x10M mit 355 mm G-Claron und 240 mm Symmar-S. Diese Anwendung ist eine über 100 Jahre alte Fototechnik (ich meine nicht das Alter der Kamera oder der Objektive), wobei ich zusätzlich die gescannten Negative mit der heutigen digitalen Bildbearbeitung weiterverarbeite. Dabei wende ich nur Techniken an die ich schon damals auch in der analogen Dunkelkammer gemacht habe – Abwedeln, Nachbelichten, Masken schneiden, Papiergradationsauswahl (Kontraste-setzen).

Der schwarze Rand ist digital eingefügt und zeigt nicht den Rand eines 8×10-Negativs. Aber auch nicht meinen Blick während der Aufnahme – ich behalte mir immer vor, bei Negativen mit Ausschnitten zu arbeiten. Der schwarze Rand dient allein zur Abgrenzung vom weißen Hintergrund.

Farbe des Portrait-Hintergrunds: In der Strecke „Das Fest“ von 2019 behaupte ich, dass ein schwarzer Hintergrund nichts macht, was natürlich nicht ganz stimmt. Er macht zwei Dinge, aber ich will sie nicht in meinen Fotos sehen:

  1. die Suggestion einer Bewegung. Renaissance-Portraitmaler experimentierten mit schwarzen Hintergründen, um ihren an sich statischen Portraits etwas Bewegung bzw. Dynamik zu verleihen. So im Sinne, kommt aus dem Dunkeln und verschwindet wieder im Dunkeln.
  2. die Lichtsetzung im Portrait wird zu sehr betont. Ein geäußerter Gedanke von Gregory Heisler (amerikanischer Portraitfotograf) gefällt mir besonders, „das beste Portraitlicht ist das Licht, das man nicht sieht“. Wenn sich bei der Betrachtung eines Portraits mit einem schwarzen Hintergrund, der Gedanke „die Lichtsetzung ist schön“ (oder ähnliche Äußerungen) in den Vordergrund drängt, wird verständlich, was Heisler meint. In der Portraitfotografie geht es in erster Linie um den Menschen und nicht um die Lichtsetzung.

Verwendet man aber einen grauen Hintergrund, so verschwindet die Suggestion einer Bewegung und auch die Lichtsetzung wird undeutlicher. Bei einem weißen Hintergrund dagegen ist in der Betrachtung des Fotos beides völlig verschwunden. Die Menschen wirken irgendwie nach vorn gedrückt. Der weiße Hintergrund macht die Portraitierten präsenter.

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Februar 2020 – Die fiktive Präsenz

Bei den Fotos 4 rechts, 5, 6 mit dem grauen Hintergrund habe ich den Eindruck, dass die Personen in ihrer visuellen Präsenz nicht so nach vorn gedrückt wirken. Sie scheinen etwas weniger präsent zu sein. Dafür wirkt die Lichtsetzung etwas deutlicher. Der Kunsthistoriker Hans Belting spricht in seinem Buch „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ sogar von einer fiktiven Präsenz. Er schreibt: „Ein Portraitfoto zeigt die fiktive Präsenz eines Abwesenden“. Absolut treffend und mehr ist auch nicht zu sehen. Kein Hinweis auf Persönlichkeit oder Charakter oder Seele usw. – nur die fiktive Präsenz.

Unverständlich bleibt für mich, dass es immer noch einige Fotografen und auch Kuratoren gibt, die den Mythos einer Persönlichkeitsdarstellung in der Portrait-Fotografie weiterverbreiten. Das psychologische Konstrukt Persönlichkeit lässt sich durch Persönlichkeitseigenschaften beschreiben, die zeitaufwändig erfasst werden, um unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen voneinander besser abgrenzen zu können. Eine Fotografie kann so etwas nicht leisten. Könnten sonst Psychologen und Therapeuten eine Kamera nicht als Diagnoseinstrument verwenden?

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März 2020 – Gemüse-Stillleben I

Bei den beiden Kopfportraits (Foto 7, 8) handelt es sich um Ausschnitte aus dem jeweiligen 8×10-Negativ. Ich „drehte“ die Regler von Silver Efex Pro bis zur Schmerzgrenze, um diesen „harten Look“ zu bekommen (es ist kein Preset – ich folgte nur meiner inneren Vision). Demgegenüber habe ich passend die zarten Formen von Gemüse (Kohlrabi Doppel-Foto 9 und Brokkoli Foto 10) hinzugefügt.

Angewandte Technik: Für einen Moment habe ich das „Eight-by-Ten“-Konzept bei dem Gemüse-Stillleben verlassen und mit einer Mittelformatkamera fotografiert. Was ist passiert? Das Gehäuse meiner 500 C/M hatte einen mechanischen Defekt und musste repariert werden. Die Kosten hätten bei 500 € gelegen. Ich entschied mich gegen eine Reparatur und kaufte mir für das Geld ein „neues“ gebrauchtes Hasselblad 503-Gehäuse. Warum? Bei der 500 C/M wird vermutet, dass die Innenbeschichtung des Gehäuses mit der Zeit zerbröselt. Mit der Einführung der 503 im Jahre 1988 hat Hasselblad dem Gehäuse eine neue Palpas-Beschichtung gegeben. Zwar hatte meine über 30 Jahre alte 500 C/M diese Zerbröselung nicht, aber das Angebot der 503 war zu gut. Ein weiterer Vorteil ist, ich brauche mich nicht umzugewöhnen, sie funktioniert wie die alte 500 C/M. Als die 503 bei mir ankam, musste ich sie sofort ausprobieren und so entstanden die Gemüse-Stillleben mit dem 120mm Macro-Planar.

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April 2020 – Ein Blitzkopf

Es sind vorerst die letzten aktuellen 8×10 Portraitaufnahmen, die ich in der „Eight-by-Ten“ – Strecke vorstelle. Wegen der Kontaktsperre kann ich vorläufig keine Menschen in meinem kleinen Studio fotografieren.

Wie kann es bei mir weitergehen? Ich habe die Möglichkeit auf ältere 8×10 Portraitaufnahmen zurückzugreifen oder ich arbeite mit der Großformatkamera an der Stillleben-Strecke weiter, die ich letztes Jahr begonnen hatte oder ich mische beides oder ich fahre einfach nur Fahrrad.

Angewandte Technik: Da mehr Menschen jetzt auch mehr Zeit zum Lesen haben, beschreibe ich hier meine Aufnahmetechnik (es ist kein Königsweg, sondern nur mein Weg).

Beim Fotografieren mit der Großformatkamera arbeite ich mit einem 3000 Ws Blitzgenerator von Hensel, der zwei Blitzköpfe bedienen kann. Bei diesen drei Portraits (Foto  11, 12, 13) verwendete ich aber nur einen Blitzkopf, der mit etwa 2000 Ws angesteuert wurde. Diese hohe Lichtleistung ist bei einer 8×10 notwendig, um auf Blendenwerte von 32 bis 45 zu kommen, die mir genügend Tiefenschärfe von 30-40 cm geben (Menschen halten nicht immer still).

Ein ähnlicher Vergleich mit meiner Mittelformatkamera zeigt, dass bei gleicher Blende von z.B. 32 die Tiefenschärfe etwa 2 m groß ist. Bedeutet letztendlich, dass ich bei 6×6 Portraitaufnahmen mit weniger Licht auskommen kann – so etwa 150 Ws, die mir ein 600 Ws Monoflash ebenfalls von Hensel liefert. Hiermit ist bei Blende 11 eine ausreichende Tiefenschärfe von fast 60 cm möglich.

Als Lichtformer war eine Softbox mit Wabe an dem Blitzkopf befestigt, der in einem 45Grad-Winkel zur Person steht. Ziel ist es, eine Dreidimensionalität in einem zweidimensionalen Foto zu erreichen (die eine Gesichtshälfte ist hell, die andere ist dunkel). Ich messe nur mit einem 5º-Spotvorsatz an dem Minolta IV-Blitzbelichtungsmesser die helle Gesichtshälfte  und öffne den angezeigten Blendenwert um 1-2 Blenden (mache ich das nicht, bekomme ich die helle Gesichtshälfte in einem mittleren Grau – ich möchte sie aber in einem hellen Grau haben). Eine weitere Messung, z.B. auf die Schatten, nehme ich nicht vor. Meine Schatten haben immer genügend Zeichnung im Negativ. Den Grund sehe ich darin, dass ich mit einer geeichten Film-Entwickler-Kombination (TMax 400, HP5+,/ D-76 oder Xtol oder HC-110) arbeite, wo ich durch Tests meine persönliche „effektive Filmempfindlichkeit“ und die dazu gehörige Entwicklungszeit gefunden habe. Festgestellt habe ich dabei, dass die Filmempfindlichkeit bei Blitzlicht nochmals um 1-2 DIN weniger ist als bei Tageslicht. Ich vermute, dass die spektrale Zusammensetzung der Blitzlichtröhre etwas anders ist als bei Tageslicht. Ein Beispiel: bei Tageslicht ist meine „effektive Filmempfindlichkeit“ bei (24 DIN) und bei Blitzlicht (22 DIN). Ich arbeite ausschließlich mit 27 DIN (400 ASA) – Filmen.

Im Mai zeige ich 8×10 Portraitaufnahmen mit zwei Blitzköpfen.

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Mai 2020 – Zwei Blitzköpfe

Nach etwas längerem Suchen fand ich diese drei 8×10 Aufnahmen in meinem über 35 Jahre altem Fotoarchiv. Wegen der archivfesten Negativverarbeitung sahen diese Negative so frisch aus wie am ersten Tag, und es gab keinerlei Probleme beim Scannen. Für mich ein weiteres Argument für das Fotografieren auf Film, denn es ist das beste Backup-System, das ich kenne. Hätte es vor 35 Jahren digitale Datenträger gegeben und ich hätte sie darauf gespeichert und anschließend vernichtet, würde ich wahrscheinlich meine Aufnahmen heute nicht anschauen können, weil alte Datenträger auf heutigen Computern nicht mehr lesbar wären. Meine mittlerweile digitalisierten Negative speichere ich einmal intern auf den Mac und auf vier externe Festplatten – ein Paar ist in der Wohnung, das zweite Paar ist außerhalb – falls mal bei mir Feuer ausbrechen sollte.

Angewandte Technik: Bei diesen drei Portraitaufnahmen (Foto 14, 15, 16) verwendete ich zwei Blitzköpfe und den 3000 Ws Blitzgenerator. Als Lichtformer dienten zwei Reflexschirme mit silberner Innenfläche. Die Blitzköpfe blitzten in die Schirme und standen jeweils rechts und links in einer 45º-Stellung zur Person. Ziel war es, eine gleichmäßige Ausleuchtung der Person zu erhalten. Mit dem 5º Minolta IV-Blitzbelichtungsmesser habe ich nur das Gesicht angemessen und die erhaltene Blende um einen Wert geöffnet.

Als Planfilm nahm ich den Tmax 400 und entwickelte ihn jeweils mit 3 weiteren per Hand in der Schale mit HC-110 (1+43). Mittlerweile ist der Tmax 400 mit ca. 15-18 € pro Film für mich zu teuer geworden und ich wechselte nun zum bezahlbaren HP5+. Auch verwende ich den HC-110 Entwickler nicht mehr, denn ich bin von der Schalenentwicklung zur Rotationsentwicklung mit der JoboDrum 3005 auf den Durst Comot-Roller übergegangen. Für die Schale brauchte ich über 3 Liter Entwicklerflüssigkeit, (was mit der hohen Verdünnbarkeit von HC-110 machbar war), und für die JoboDrum nur 500 – 600 ml (ebenfalls mit 4 Filmen). Als Entwickler nahm ich den bewährten D-76 (1+1). Zur Zeit eiche und teste ich unverdünnten Xtol-Entwickler, den Bill Troop und Steve Anchell, neben D-76, in ihrem informationsreichen Buch „The Film Developing Cookbook“, 2. Auflage, für die Rotationsentwicklung ausdrücklich empfehlen.

Wenn man beide Lichtsetz-Techniken miteinander vergleicht, steht meiner Meinung nach die gleichmäßige Ausleuchtung der dreidimensionalen in nichts nach, denn in der Portraitfotografie kommt es nicht auf die Lichtsetzung, sondern auf einen Ausdruck des Menschlichen oder wie es Patricia Rubin formulierte „um das Wesen des Lebendigen“ an. Danach suche ich immer in einem einfachen Portrait. Ein Beispiel: der stolze Ausdruck des bärtigen Mannes (Foto 15) – Stolz ist ein Wesen des Lebendigen.

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Juni 2020 – erhabenes 8×10 ?

Ich bin nochmal in mein Archiv eingetaucht und habe diese beiden älteren 8×10 Portraitaufnahmen (Foto 17, 18) entdeckt und neu interpretiert. Jede Neuinterpretation sollte immer eine Verbesserung der vorhergehenden sein. Manchmal ist mein Motiv einfach auch nur Neugierde. Ich gehe gern an die Grenzen meiner Materialien und Geräte, um herauszufinden, was bei meinem hybriden Workflow funktioniert und was nicht.

Das 8×10 Format ist eigentlich über alles erhaben, wenn man bei der Belichtung und Entwicklung keine Fehler macht – es ist immer scharf und „kornlos“. Bei der erneuten Interpretation wollte ich diesem „kornlosen“ Format das Korn abringen. Nicht durch eine extreme Vergrößerung habe ich es sichtbar gemacht, sondern durch eine starke, digitale Kontraststeigerung und zwar so weit, wie das Korn für mich ästhetisch angenehm war. (Ich bin der Meinung, dass Portraits durchaus Kontraste und Körner vertragen können).

Angewandte Technik: Als Film diente der damals bezahlbare Tmax 400, der in der Schale mit HC-110 entwickelt wurde. Die Lichtquelle war ein Blitzkopf mit einem Durchblitzschirm davor, der neben und oberhalb der Kamera stand. Der erhaltene Blendenwert wurde um 1,5 Stufen geöffnet und die Filmempfindlichkeit war auf 125 ASA eingestellt.

Dem an sich „glatten“ Hintergrund im kornlosen 8×10 Format wollte ich eine Kornstruktur verpassen. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Kornstruktur (die Korn-Zusammenballungen) von ziemlich chaotischer Natur sind im Gegensatz zu ihren digitalen Simulationen, die eher gleichmäßig aussehen. Die Schattenbereiche wurden nachträglich abgedunkelt. Anschließend wurde das Foto noch digital getont.

Übrigens, ich werde eine zweimonatige Sommerpause machen. In der sommerlichen Hitze kann und will ich nicht fotografieren. Ich suche eher die Nähe von Wasser, sitze dort, höre Rockmusik und denke über meine Fotografie nach.

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Juli-August 2020 – Sommerpause

 

September 2020 – 3 oder 30 oder mehr

Aufgrund der Corona-Regeln kann ich immer noch keine fremden Menschen in meinem kleinen Studio (ein Zimmer in meiner Wohnung) fotografieren. Erneut ins Archiv reingeschaut, diese beiden 8×10 Aufnahmen rausgesucht und ebenfalls neu interpretiert.

Beim Frauen-Portrait (Foto 19) habe ich eine ähnliche Arbeitsweise angewendet wie bei den beiden vorhergehenden Männer-Portraits, wobei der Kontrast und die Körnung nicht so stark herausgearbeitet wurden. Beim jungen Mann-Portrait (Foto 20) habe ich hauptsächlich mit der Lichtermasken-Technik von Photoshop CS6 gearbeitet und ein bisschen Dodge & Burn angewendet. Zum Schluss wurden beide Portraits unterschiedlich digital getont – der junge Mann bekam eine Art „Silbertonung“.

In einem älteren „ShutterTalk“ Podcast-Interview von Florian W. Mueller sprach der Portraitfotograf Götz Schleser sinngemäß davon, „dass ihm die zu fotografierenden Politiker im Durchschnitt nur 3 ½ Minuten Zeit zum Fotografieren gewähren“. (Ich persönlich halte das für eine Respektlosigkeit gegenüber dieser Berufsgruppe. Was wäre, wenn wir den Politikern nur 3 ½ Minuten zuhören würden? Tun wir nicht – sorry, ich bin abgeschweift). Weiterhin sagte er sinngemäß, „wenn er aber mit einer Großformatkamera komme, erhöhe sich die Zeit auf etwa eine halbe Stunde“. Auf ähnliche Weise äußerte sich der People- und Werbefotograf Tobias Schult im aktuellen „picdrop“ Podcast-Interview von Andreas Chudowski. Er beschrieb, dass er Schauspieler, die vom Fotografiert-werden müde waren, erneut mit einer Idee und dem Einsatz einer 4×5‘ Kamera motivieren konnte, sich weiterhin fotografieren zulassen“. Erstaunlich, was für eine Wirkung so eine alte Technik auf die Portraitierten doch hat. Eine fast zehnfache Zeit, da sollte doch das ein oder andere Portrait gelingen. Ich sage das deshalb, weil es mir nicht gelingt, innerhalb von 3 Minuten ein magisches Portrait zu machen.

Diese Aussage prüfte ich mit meinem Negativ-Archiv. Der erste Negativbogen von mehreren einer Portraitsession zeigt mir immer den zeitlichen Beginn der Session, so etwa insgesamt 20 Minuten. Bei der Auswahl von Fotos für meine Ausstellungen oder meiner Webseite waren aber nie Fotos dabei, die innerhalb dieser 20 Minuten gemacht wurden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich für das für mich wichtige Herstellen einer professionellen Nähe, in der sich gegenseitiger Respekt und Vertrauen bilden soll und kann, doch mehr Zeit brauche. Im Durchschnitt fotografiere ich eine Person etwa 60-90 Minuten, mal etwas mehr, mal etwas weniger Zeit. Immer verbunden mit der Hoffnung, dass ein oder zwei Portraits von 30 – 40 Fotos (so 10 mit der Großformatkamera und der Rest mit der Mittelformat) dabei sind, mit denen ich weiterarbeiten kann. Ob 3 oder 30 oder mehr Minuten, das muss jeder Fotograf für sich selbst herausfinden, wenn er denn die Zeit wählen darf. Es gibt keine Regeln – keinen Königsweg zu einem magischen Portrait. Die Magie eines Fotos ist von solchen Dingen völlig unabhängig.

Angewandte Technik:  In Kurzform: 8×10 Tmax 400 in HC-110 (1+31), Blitzkopf mit Softbox (ohne Wabe), Toyo 810M mit 355 mm G-Claron Normalobjektiv, Epson V850 mit VueScan Pro, Photoshop CS6 & Silver Efex Pro 2.

Ich arbeite gern mit Normalobjektiven. Ich denke, dass ich mit diesen Objektiven alles optisch Wesentliche einer Person abbilden kann. Bei der Großformatkamera besitze ich noch ein 240 mm Symmar-S (nehme ich hauptsächlich für meine Gemüse-Stillleben-Strecke) und bei meiner Mittelformat gibt es ebenfalls nur zwei Objektive, das 80 mm Normalobjektiv und das 120 mm Macro-Planar. Mehr Objektive brauche ich nicht. Das so „eingesparte Objektivgeld“ habe ich in Foto- und Kunstbücher investiert. Bei den Fotobüchern überwiegend in die Portraitbände von Fotografen und bei den Kunstbüchern in die Bände der Portraitmalerei.

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Oktober 2020 – Gemüse-Stillleben II

An meiner Gemüse-Strecke, die ich im Herbst 2019 begonnen hatte, habe ich weitergearbeitet. Dass ich mich mit Gemüse fotografisch auseinandersetze, lag an meinem Sohn, der sich vegetarisch ernährt. Ohne dass er uns missionarisch bearbeitet hatte, haben meine Frau und ich über unseren wöchentlichen Fleischkonsum nachgedacht – und ihn anschließend geändert. Es gibt jetzt mehr Gemüse als Hauptgerichte (bei uns kocht meine Frau) und weniger Fleisch. Früher hatte ich das kleingeschnittene Gemüse kaum beachtet, ich habe es einfach gegessen. Jetzt interessiert mich mehr die Form des Ganzen.

Obwohl man es nicht sieht, sind die beiden Gemüse-Fotos (Meerrettich Foto 21 & Lauch Foto 22) ebenfalls digital bearbeitet. Ich gebe der Bildbearbeitung den gleichen hohen Stellenwert wie dem Fotografieren oder der Filmentwicklung.

Angewandte Technik:  In Kurzform: 3 Planfilme 8×10 HP5+ in 600 ml Xtol (1+1) mit Rotation (JoboDrum 3005 auf Comot-Roller), Blitzkopf mit Softbox & Wabe, Toyo 810M mit 355 mm G-Claron, Epson V850 & Anti-Newtonglas mit VueScan Pro @2400 dpi & 48 Bit RGB, Photoshop CS6 & Silver Efex Pro 2. Meine effektive Filmempfindlichkeit von HP5+ erhöhte sich von 125 ASA auf 200 ASA. Xtol scheint ein empfindlichkeitssteigender Entwickler zu sein.

Die neue Film-Entwicklerkombination (HP5+/Xtol) könnte zu meiner neuen ästhetischen Referenz werden, obwohl es aus meiner Sicht bei der 8×10 Fotografie eigentlich egal ist, welche Kombi man verwendet – sie ist immer scharf und „kornlos“. Man kann sich nun auf den Inhalt konzentrieren und muss nicht über einen Entwickler nachdenken, der genügend Schärfe mitbringen sollte. Übrigens, zur fotografischen Schärfe hat Ulrich Metzmacher auf der „fotosinn.de“-Seite in seinem Blog einen lesenswerten Essay über „Das Dogma vom scharfen Bild“ veröffentlicht.

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November 2020 – Gemüse-Stillleben III

Ich denke, ich werde erst nächstes Jahr wieder Menschen in meinem kleinen Studio fotografieren können. Momentan habe ich auch keine Lust mehr, in meinem Archiv zu stöbern und habe mittlerweile an meiner Gemüse-Stillleben-Strecke („Gemüse-Portraits“) weitergearbeitet.

Hier zwei Aufnahmen mit einem Mohrrüben-Bündel (Foto 23 + 24). Bei dem Triptychon geht es nur um Wiederholungen mit der Suggestion einer Bewegung.

Angewandte Technik: Alles wie immer – 8×10 HP5+ in Xtol. An der Toyo saß diesmal das 240 mm Symmar-S.

Exkurs: Rotation mit der Jobo/Durst-Kombi. Die von mir verwendete Rotationskombi (JoboDrum 3005 & Durst Comot-Roller) verschiedener Hersteller sind nicht füreinander konzipiert worden, funktionieren aber trotzdem zusammen – mit einer Einschränkung. Jobo gibt für die Drum 3005 als maximale Füllmenge 1500 ml an. Bei dieser Menge schafft der Motor des Comot-Rollers keine Drehung der Drum. Sie ist dann zu schwer. Bei einer Halbierung der Füllmenge auf 750ml drehte der Roller die Drum zwar, aber sie blieb immer wieder zwischendurch stehen. Immer noch zu schwer. Erst bei 700 ml drehte (etwa 38 U/min) der Roller die Drum ohne stehenzubleiben.

Nun fragte ich mich, wie viel Planfilme kann ich in der Drum 3005, mit ihren 5 runden Planfilm-Kammern, bei 700 ml maximaler Füllmenge entwickeln?

Ein Beispiel mit einem kurzen Blick auf Xtol: Vorweg sollte man wissen, dass die Fläche eines Kleinbildfilms etwa der Fläche eines Rollfilms (12 Aufnahmen) entspricht oder der Fläche von vier 4×5‘ Planfilmen oder der Fläche eines 8×10‘ Planfilms. Ich habe immer mit verdünntem Entwickler gearbeitet, auch wegen der Entwicklungszeit – unter 6 min bekomme ich eine ungleichmäßige Entwicklung. Als Entwickler-Mindestmenge nahm ich 100 ml Entwicklerkonzentrat (Stocklösung) pro Film plus Verdünnung (meistens 1+1). Bei drei 8×10 Planfilmen wären das 3 x 100 ml Konzentrat plus 3 x 100 ml Wasser. Das wären insgesamt 600 ml und liegt somit unter meiner 700 ml Maximalmenge.

Die Autoren B. Troop & S. Anchell empfehlen in ihrem Buch „The Film Developing Cookbook“ für die Rotation Entwickler mit hohem Sulfit-Anteil (Oxidationsschutzmittel) wie Xtol oder D-76 oder Microphen unverdünnt anzuwenden. Ok, werde ich ausprobieren. Ich brauche also bei drei 8×10 Planfilmen 600 ml (3 x 200) unverdünntes Xtol. Der Comot-Roller kann bei dieser Menge die Drum 3005 drehen, bei vier Planfilmen nicht mehr. Für die 8×10 Entwicklung empfehlen Troop & Anchell aber 250 ml oder mehr Entwicklermenge. Würde bei mir mit zwei Planfilmen gehen (2 x 250 ml = 500 ml). Die Drum dreht sich. Das ist ebenfalls einen Versuch wert, wobei ich darauf achten muss, dass die Entwicklungszeit nicht unter 6 min liegt.

Eins wäre noch zu beachten: Es gibt keinen Super-Film, keinen Super-Entwickler und dementsprechend auch keine Super-Kombi. Jeder muss für sich seine Kombi finden, egal unter welchen Gesichtspunkten auch immer. Eine handwerkliche Technik, egal ob im Beruf oder im Sport oder in der Kunst usw., ist notwendig, aber nicht hinreichend, um ein meisterhaftes Werk zu schaffen – es braucht mehr dazu. Eine fotografische Technik lässt sich schnell in Wochen/Monaten (als Beruf 3 Jahre) lernen, aber einen fotografischen, künstlerischen Standpunkt zu entwickeln dauert länger als 3 Jahre.

Der schwedische Wissenschaftler und Psychologe K. Anders Ericsson und der amerikanische Wissenschaftsredakteur Robert Pool, erwähnen in ihrem Buch „TOP. Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen“, dass nach den langjährigen Untersuchungen von erfolgreichen Menschen aus Wissenschaft, Technik, Kunst usw. die Menschen etwa „10 000 Übungsstunden benötigen, um diese außergewöhnlichen Fähigkeiten zu entwickeln“.

(Man könnte also davon ausgehen, wenn man jetzt diszipliniert, konzentriert und geduldig, täglich 4 Stunden an 5 Tagen in der Woche übt, sind das bei 4 Stunden x 5 Tage x 52 Wochen genau 1040 Stunden im Jahr. Das sind etwa 10 Jahre – 10000 : 1040).

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Dezember 2020 – Gemüse-Stillleben IV

Hier eine Kohl-Trilogie (Weißkohl Foto 25, Wirsingkohl Foto 26, Blumenkohl Foto 27).

Eigentlich wollte ich immer klar, direkt und sachlich auf das Gemüse schauen, aber es gelingt mir nicht. Immer wieder mischt sich mein Unterbewusstsein ein und lenkt meinen fotografischen Blick – entweder bei der Komposition des Fotos oder bei der digitalen Bildbearbeitung oder bei beidem. Da „Out of cam“ für mich keine Option ist, sondern ich das Negativ als Ausgangsmaterial für meine Interpretationen benutze, kann ich das Sachliche nicht mehr aufrechterhalten. Es ist immer mein persönlicher Blick bzw. Ausdruck auf die Dinge und ich glaube, das gilt auch für meine Portraits.

Angewandte Technik: 8×10 HP5+ @200 ASA in Xtol (1+1). Toyo mit 240 mm Symmar-S. Ein Blitzkopf mit Softbox. Beim Weißkohl kam das Licht von der Seite, beim Wirsing- und Blumenkohl von oben. Weißer Hintergrund. Keine Verstellungen an der Toyo. Digitale Bildbearbeitung mit Photoshop CS6 und der Kontrollpunkt-Technologie von Silver Efex Pro 3, um Tonwerte nach meinen Vorstellungen zu verändern.

Mein Vergleichstest mit Xtol in der (Stock)-Lösung bei 7,5 Minuten und 20º versus der (1+1)-Verdünnung bei 10 Minuten und 20º ergab bei mir keine sichtbaren Unterschiede zwischen den beiden.

Ein paar Bemerkungen noch zur den 10 000 Übungsstunden im letzten Post, um eventuell aufkommenden Missverständnissen vorzubeugen. K. Anders Ericsson schreibt, dass die 10 000 Übungsstunden keine Regel sind. Manchmal reichen 7500 Stunden für außergewöhnliche Fähigkeiten, manchmal sind es mehr. Auch ein einfaches Absolvieren der Stunden reicht nicht. Es sind immer viele Jahre des disziplinierten, geduldigen Übens unter den Prinzipien des bewussten Lernens, des Entwickelns einer mentalen Repräsentation, meistens mit Begleitung eines Lehrers/ Trainers notwendig. Weiterhin schreibt er, dass er bei seinen Untersuchungen kein Talentgen bzw. Begabungsgen gefunden hat. Es war immer jahrelanges, hartes Üben. Daraus leitet er ab, dass alles erlernbar ist – dank unserem anpassungsfähigen Gehirn. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte dieses Buch „TOP. Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen“ lesen.

Jahres-Fazit: Ich wollte in diesem Jahr nur Portraits mit der Großformatkamera zeigen, aber die Pandemie kam dazwischen, sodass ich auf Gemüse ausgewichen bin. Es sollte auch kein Plädoyer für die Großformatfotografie sein, denn mit jedem Kamerasystem kann man gute, sowie auch schlechte Fotos machen, aber das ist ja bekannt. An dieser großen Kamera interessiert mich das Haptische. Es gibt keine Automatik. Alles muss von Hand eingestellt werden und ich liebe es, dieses Erschaffen von Dingen mit meinen Händen.

Das Zeigen von reinen Großformatfotos in der „Eight-by-Ten“-Strecke endet hier. Ich weiß noch nicht genau, wie ich auf meiner Webseite weiter mache. Ich möchte wieder Aufnahmen auch von meinen anderen Negativformaten zeigen, wieder ins Archiv greifen, die Genres mischen, mehr Text schreiben usw. Vielleicht alles unter einem neuen Menüpunkt.

Ich wünsche allen ein gesundes neues Jahr.

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