Überblick 1981-2020

Allgemeine Bemerkungen zum Portrait-Projekt:

1981 fing ich an, Menschen zu fotografieren. Zuerst meine Frau, dann die Verwandten und meine Freunde. Etwa 1982/83 forderte Michael Ruetz, Professor der Kunsthochschule Braunschweig, uns Studenten auf, in Projekten zu arbeiten. Ich entschied mich für Portraits, und es ist bis heute mein Projekt geblieben.

Ihr seht hier einen kleinen Überblick (mit Schwerpunkt Studioblitz) von 1981 bis 2019 der Menschen, die auf eigenen Wunsch an diesem Projekt teilgenommen haben. Sie mussten nur eine Bedingung erfüllen: Mir erlauben, Fotos meiner Wahl aus dem Shooting zu veröffentlichen. Sie bekamen dafür Fotos ihrer Wahl umsonst.

Beim Fotografieren interessieren mich nicht Identität, Herkunft, Persönlichkeit, Authentizität,  Alter oder Sexualität usw. Der Mensch an sich ist mir wichtig – nur seine Präsenz und seine Interaktion vor einem neutralen Hintergrund in der Face-to-Face-Situation mit mir. Nichts stört oder lenkt ab. Keine Musik, keine Visagistin, keine Assistenten. Es gibt nur die Ruhe, Vertrauen und den gegenseitigen Respekt sowie die Konzentration auf das Fotografieren – das Arbeiten an dem Portrait-Foto, wobei ich so wenig wie möglich eingreife und korrigiere.

November 2018

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Die Verwandten

1993 habe ich meine Verwandten stehend vor weißem Hintergrund fotografiert. Seit 2018 fotografiere ich erneut an dieser Strecke. Diesmal schwerpunktmäßig an einem Tisch sitzend. Hier sind einige Fotos zu sehen, die von den Verwandten freigegeben wurden, also kein umfassender Einblick in diese Strecke.

Dezember 2018

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Meine Influenzer

Neben Michael Ruetz und meinen wichtigen Heroes (Nadar, August Sander, Irving Penn, Richard Avedon u.a.) aus der Geschichte der Portraitfotografie, hatte den stärksten Einfluss auf meine fotografische Entwicklung mein Kunstlehrer und späterer Mentor Christof Nanko (Bildhauer, Maler, Zeichner), der mir im Kunstunterricht vorschlug: fotografiere, was du willst, zeige mir die Kontaktbögen und wir reden dann darüber. Ich lernte dabei das Sehen, die visuelle Sprache der Fotografie (Komposition, Ausschnitt, Kontraste, Tonwerte usw.) Ein Satz von ihm blieb in meinem Gedächtnis haften: Wenn du kannst, verdichte das Foto und lass dich durch nichts dabei einschränken. Christof habe ich Jahre später portraitiert.

Januar 2019

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Frühere Arbeiten (1981-1987)

Es waren überwiegend meine studentischen Jahre – auch Jahre des fotografischen Lernens, des Sehens im kreativen Prozess.
Diese Arbeiten wurden hauptsächlich mit Tageslicht am Fenster meiner Studentenbude gemacht – gelegentlich habe ich auch mit Glühlampenlicht fotografiert, wenn das Tageslicht nicht ausreichend war, um das Verwackeln zu verhindern. Geld für eine Studioblitzanlage und qualitative Hintergründe hatte ich nicht. Es reichte gerade für Filme, Entwickler und Fotopapier.

Februar 2019

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Selbstportraits

Bei der Selbstportrait-Strecke fotografierte ich unter zwei Aspekten. Ein Aspekt war, ich wollte ein Zeitdokument über mich schaffen, das mir als „Zeitzeuge“ für die Erinnerungen dienen sollte, wenn ich nach Jahrzehnten wieder auf die Fotos blicke. Beim anderen Aspekt arbeitete ich mit einer Idee bzw. mit einem Thema.

Hier ein Beispiel (Plattencover): Da mich in meiner Pubertät auch die Rockmusik sozialisiert hat, Musiker wie Jimi Hendrix, Patti Smith und Co. waren daran beteiligt, wollte ich ebenfalls ein Rockstar werden. Ich kaufte mir eine Gitarre und merkte nach einer Woche, dass ich besser Musik hören kann als sie zu spielen und gab meinen Traum eines Rockgitarristen auf. Jahre später dachte ich, fotografiere doch mal das Plattencover deiner imaginären Rockband – einen Plattentitel hatte ich, einen Bandnamen nicht. Zwei Freunde unterstützen mich dabei. Das Bild-Nr. 2/9 ist Beweis meines damaligen Traumes.

Bei den Selbstportraits drückte den Auslöser der Kamera generell meine Frau – selten ein Freund/in oder mein Sohn. Zwischen den ersten Aufnahmen dieser Strecke und den letzten vier besteht ein Zeitunterschied von 30-35 Jahren.

März 2019

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Männer – oben ohne

Hier eine Bildstrecke von halbnackten Männern. Denn schöne junge Frauen, egal ob nackt oder im Halb-Akt, wurden und werden oft genug von Fotografen abgelichtet. Es war Zeit für mich, einen Blickwechsel vorzunehmen, denn die Gattung „Mensch“ ist doch so vielschichtig und interessant.

April 2019

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Die Kollegen

Es ist aus meiner Vita nicht ersichtlich, dass ich mein Geld mit der Psychologie verdient habe, denn sie zeigt nur die kreative, künstlerische Seite meines Lebens. Ich konnte dadurch mein Portrait-Projekt unabhängig von anderen selbst finanzieren und frei gestalten – mit allen Vor- und Nachteilen.

Kurz vor meinem Ruhestand habe ich meine Kollegen und Kolleginnen fotografiert. Wir waren ein Team, das im Auftrag des Jugendamtes in der Jugend- und Familienhilfe gearbeitet hat.

Angewandte Technik: Diese Strecke ist mit einer digitalen Kamera (Canon EOS 450D mit Kit-Objektiv) fotografiert worden. Die Raw-Dateien wurden mit Capture One „weich“ entwickelt und anschießend mit Photoshop CS6, der NIK Software, dem DxO ViewPoint und verschiedenen Skripten weiterverarbeitet. (Es ist immer besser, Kontraste auf- statt abzubauen). Presets verwende ich nicht – ich arbeite nur mit meinem „Mindset“. Normalerweise füge ich den Dateien der digitalen Kameras das Korn der Software „TrueGrain“ hinzu. Hier verzichtete ich darauf, um den gewünschten glatten „grafischen Look“ beizubehalten.

Mai 2019

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Das Fest

Diese Strecke war der Anfang in meinem Portrait-Projekt und gleichzeitig die erste Arbeit mit mir unbekannten Personen.

Im Szene-Viertel in unserer Stadt gab es 1982 ein Straßenfest. Eine Fotogruppe, in der ich Mitglied war, nahm an diesem Fest teil. Die Besucher wurden vor einem Hintergrund mit einer Polaroid-Kamera fotografiert. Sie hatten die Möglichkeit, sich vorher auch schminken zu lassen. Die Polaroids wurden anschließend nach Wunsch kunstvoll mit kleinen Dingen aufgepeppt und ans Revers geheftet. Zum Schluss bat ich die Besucher, mit dem Polaroid am Revers, sich von mir fotografieren zu lassen.

Angewandte Technik: Diese Strecke habe ich mit einer analogen Kleinbildkamera (Canon F-1 mit 50mm Normalobjektiv) fotografiert. Als Film verwendete ich den Tri-X 400, den ich in D-76 (1:1) selbst entwickelte. Die jeweiligen Negative wurden im Reflecta MF5000-Scanner, „weich“ mit VueScan Pro gescannt (lineare Gradation, 48 Bit RGB, volle Auflösung 3200, u.a.). Anschließend wurden der Kontrast, die Tonwerte, die Helligkeiten usw. mit Photoshop CS6, der NIK Collection 2 (Silver Efex Pro, Dfine) und dem Aktion-Skript „Hochrechnen 200%“ nach meinen Vorstellungen weiterbearbeitet. Bei diesen Dateien nutzte ich die natürlichen Kornstrukturen der Negative.

– Überprüfungsphase: (Meiner Meinung nach ist sie die wichtigste Phase im kreativen Prozess). Diese in Graustufen umgewandelten Dateien wurden dann mit dem RIP „ImagePrint“ im Canon Pro 1000 in der A2-Größe auf mattem Hahnemühle-Papier ausgedruckt und an meine Studiowand gehängt.

Dieses Vorgehen diente dazu, leichter die digitalen Bearbeitungsfehler zu erkennen und gleichzeitig nach Verbesserungen zu suchen. Ich gehe an unterschiedlichen Tagen und Tageszeiten zu den Fotos (man ist nicht immer in der gleichen Verfassung) und schaue sie mir an – manchmal mit einer Tasse Kaffee, aber immer ohne Alkohol. Irgendwann entdecke ich, dass z.B. ein Tonwert sich nicht harmonisch ins Foto einfügt und geändert werden sollte. Oder der Ausschnitt ist zu eng gefasst. Oder ich schaue, was der Hintergrund macht, denn er kann auch wie die Kornstruktur zur Atmosphäre eines Fotos beitragen. Ich verwende keinen schwarzen Hintergrund, denn ich sehe nicht, was er macht – er ist nur schwarz und das ist mir zu wenig. Oder ich überprüfe die Komposition des Fotos (manchmal auch in zwei unterschiedlichen Ausdrucken). Oder ich prüfe, welche Bildfolge eine Strecke haben soll, die ich auf meiner Webseite zeigen möchte, usw. Erneut wird die entsprechende Datei bearbeitet oder die Bildfolge geändert. Diese Überprüfung kann sich durchaus mehrfach wiederholen, bis das gedruckte Foto mit meiner inneren Vision übereinstimmt oder die Bildfolge für mich stimmig ist. Wer mehr über den kreativen Prozess erfahren möchte, sollte sich in dem Podcast „Bunt“ von Matthes Zimmermann und Andreas Jorns die Folge 32 „Der kreative Prozess“ anhören.

P.S. Die Hersteller, deren Namen ich hier nenne, haben mich nicht gesponsert und ich habe auch keine Verwandten, die in ihren Firmen arbeiten. Die genannten Produkte habe ich zu normalen Preisen im Geschäft oder online gekauft.

Dieses Kleinbild-Kamerasystem und die Film-Entwickler-Kombi verwende ich seit Jahren nicht mehr. Ich wechselte 1987 ins Mittelformat. Die meisten Fotos auf meiner Webseite wurden mit einer Hasselblad 500 C/M und einem 80mm Normalobjektiv gemacht. Als Film verwende ich den Tmax 400, den ich in D-76 (1:1) oder in HC-110 (1:39) selbst entwickle, um die Kontrolle über die von mir geeichte Film-Entwickler-Kombination zu haben.

Juni 2019

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Drei Poster

Bei dieser Strecke wollte ich gegen Ende der 80er Jahre – neben der Kunst – mich auch mal im Selbstauftrag in Kommerz versuchen, weswegen ich mit meinem Freund Valentin Stolte Poster produzierte. Wir recherchierten im Vorfeld und fanden heraus, dass sich zwei Poster-Motive besonders gut verkaufen würden – Katzen und irgendetwas mit Musik. Unsere Wahl fiel auf das Musik-Motiv. Wir erzählten eine kleine Geschichte in drei Fotos. Ein Duisburger Verlag nahm die drei Poster in sein Programm auf und verkaufte in 4 Jahren europaweit insgesamt über 22000 Stück.

Angewandte Technik: Diese kommerzielle Strecke wurde mit der Hasselblad 500 C/M und dem Normalobjektiv fotografiert. Als Film verwendete ich hier noch den Tri-X  400. In der Dunkelkammer wurden die drei Negative auf Barytpapier vergrößert und der Druckerei übergeben. Das Design (V E L V E T G A L L E R Y usw.) hat die Druckerei nach unseren Ideen durchgeführt.

Um die drei Poster hier zeigen zu können, habe ich sie mit der 500 C/M und mit einem 120mm Makro-Objektiv abfotografiert und die jeweiligen Negative im Reflecta MF5000-Scanner, „weich“ mit VueScan Pro gescannt. Der weitere Prozess lief wie gewohnt ab.

P.S. Ich wandte mich jedoch wieder verstärkt meinem Portrait-Projekt zu, denn das Geschichten-erzählen ist nicht mein Terrain. Ich arbeite lieber mit dem Einzelbild und suche im einfachen Portrait nach einem für mich stellvertretenden Ausdruck des menschlichen Daseins – das Entgegenblickende (Antlitz) des anderen.

Während des Fotografierens geht es mir nicht um meine Kreativität und nicht um das Künstlerische. Das wird später in der digitalen Bildbearbeitung bei der Interpretation der Negative eingesetzt, die damit meine Suche unterstützen soll.

Beim Fotografieren konzentriere ich mich auf mein Sehen und die Kommunikation, die Vertrauen schaffen sollte, sowie auf meinen direkten und klaren Blick (so ein Blick, hat mich schon bei den Arbeiten von August Sander fasziniert). Die Person sollte im entstandenen Foto nicht verletzend, nicht vorführend, nicht huldigend, nicht träumerisch, nicht sinnlich, nicht „persönlich“ dargestellt sein. (Die Persönlichkeit eines Menschen lässt sich eh nicht fotografisch abbilden, denn es gibt keinen Zusammenhang zwischen Gesichtsausdruck und Persönlichkeitsmerkmalen).

September 2019

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Zwei Unsichtbare

Jetzt etwas Persönliches: Meine Familie ist das Zentrum meines Lebens – sie lassen mich Verantwortung tragen, sie unterstützen mich, sie ermutigen mich, sie kritisieren mich, sie lieben mich. Wo meine Familie und Freunde sind, dort fühle ich mich wohl. Manche nennen es ihr Zuhause oder auch ihre Heimat. Für mich ist Heimat immer ein Gefühl.

Auf diesem Foto ist meine schwangere Frau zu sehen mit unserem ungeborenen Sohn (ich als Fotograf neben der Kamera stehend).

Angewandte Technik: Das Foto wurde mit der Großformatkamera Toyo 810M und dem 355mm G-Claron – Normalobjektiv gemacht. Das Licht kam von einem Hensel Studioblitz-generator mit einem Durchblitzschirm. Als Film diente der Tmax 400, der in HC-110 entwickelt wurde (mittlerweile verwende ich den HP5+). Die 20x25cm großen Negative werden heute in der Jobo Expert Drum 3005 auf einen Durst Comot-Roller rotierend entwickelt, früher per Hand in der Schale. Das Negativ wurde anschließend im Epson V850-Scanner „weich“ mit VueScan Pro gescannt. Die 260 MB große Datei habe ich auf ähnliche Art und Weise wie die anderen Scans mit Photoshop & Co weiterverarbeitet bzw. interpretiert, reduziert und auf einem matten, 350g „schweren“ Museum Etching-Papier von Hahnemühle ausgedruckt. (Meiner Meinung, nach passt die „textured“-Papierstruktur sehr gut zur Porenstruktur des Menschen und der analogen Kornstruktur des Films. Ein Vorteil der „schweren“ Papiere ist auch, dass sie bei einer A2-Größe ohne Kaschierung ziemlich plan im Passepartout eines Ausstellungsrahmen liegen/hängen können ohne sich zu wellen).

Großformat?! Hier die Vorgeschichte: Bei mir gab es im Portrait-Setting eine zuerst unbemerkte Veränderung, die einen Einfluss auf meine Bildergebnisse hatte. 1987 kaufte ich zur Canon F-1 (mit Motor) eine Hasselblad 500 C/M. Mit beiden Kameras fotografierte ich abwechselnd das 1-2 stündige Shooting. Bei schlechten Tageslichtverhältnissen konnte ich die 500 C/M nicht ganz ruhig in den Händen halten – sie brauchte ein Stativ.

Später bei der Auswahl der Fotos, die mich interessierten, fiel mir auf, dass ich mehr Fotos auswählte, die mit der 500 C/M auf Stativ gemacht wurden – der Ausdruck der Portraitierten war für mich stärker, „menschlicher“. Manche würden von „authentischer“ sprechen. Ich fragte mich auch, was ist bei mir/hier passiert? (Die technischen Aspekte spielen dabei keine Rolle). Ist die 500 C/M einfach besser als die F-1? Was man verneinen muss, denn der Fotograf ist wichtiger als die Kamera. Also was ist es?

Nach Tagen des Nachdenkens vermutete ich, dass sich meine Kommunikation mit dem Portraitierten verändert haben muss. Wenn ich mit der F-1 (mit Motor) fotografierte, war gut die Hälfte meines Gesichtes mit schwarzer Technik bedeckt – auch der wichtige Bereich meiner Augen. Hinzu kommt noch, dass eine in den Händen gehaltene Kamera mich stärker zur Bewegung verleitet. Das wollte ich nicht. Das ruhige, konzentrierte Portrait war mein Ziel.

Bei der auf einem Stativ befestigten 500 C/M aber stand ich neben der Kamera. Mein Gesicht war vollständig zu sehen (nur kurz zum Scharfstellen schaute ich durch die Kamera). Es war eine echte Face-to-Face Situation, wie wir sie in der menschlichen Kommunikation gewöhnt sind. Wir hatten Augenkontakt – das Entgegenblickende. Die Portraitierten konnten in meinem Gesicht meine Konzentration und Ernsthaftigkeit beim Arbeiten am Portrait ablesen und dies hatte Einfluss auf ihren gezeigten Ausdruck. Das Shooting läuft auch langsamer ab. Es gibt eigentlich keinen „flüchtigen Moment“ bei mir.

Das Neben-der-Kamera-stehen hat meine Portraitfotografie entscheidend positiv beeinflusst. Das heißt jetzt nicht, dass man mit einer Kamera vorm Gesicht keine guten Portraits machen kann. Mein hier geschildertes Statement ist nur eine Hypothese.

Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, arbeite ich mit einer Großformatkamera, weil ich glaube, dass auch allein die Größe einer Kamera, neben einer vertrauten Kommunikation, ebenfalls einen Einfluss auf den Ausdruck der Portraitierten hat. Mich interessiert nicht die hervorragende technische Qualität, die so eine Großformatkamera erbringen kann, auch nicht ihre vielen Verstellmöglichkeiten (ich verschiebe nur die Objektivstandarte entweder ein bisschen nach oben oder nach unten) – es ist nur allein die Wirkung ihrer Größe auf den Ausdruck der Portraitierten, die mich wirklich interessiert.

Oktober 2019

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Ein Farbfoto

Mittlerweile ist meine Webseite schon ein Jahr online – für mich ein kleines Jubiläum. Es ist auch ein Grund, etwas Farbe in meine Schwarz-Weiß-Darstellungen zu bringen. Hier ein etwas anderes Beispiel zum „Portrait“-Thema aus meiner Strecke „Der Friedhof“, aber trotz alledem nahe am Menschen dran:

Das Foto zeigt eine Grabstätte unter Trauerweiden bei strahlendem Sonnenschein im kalten Winter.

Angewandte Technik: Das Foto wurde mit der digitalen Kamera Canon EOS 450D und mit dem Kit-Objektiv fotografiert. Ich habe es anschließend mit Capture One, Photoshop & Co nach meinen Vorstellungen auf einem fast 10 Jahre alten, zur Workstation umgebauten Mac Pro, verfremdet bzw. interpretiert. Es wurden keine Presets verwendet.

P.S. Zukünftig werde ich verstärkt mit der 810M fotografieren und diese Arbeiten erst im Jahr 2020 zeigen. Ich brauche immer etwas Zeit, um mich mit meinen neuen Arbeiten auseinanderzusetzen. Außerdem möchte ich mich in das Platin-Palladium-Verfahren einarbeiten.

Auch habe ich angefangen, an einem kleinen Fotobuch zu arbeiten, um einen „handfesten“ Überblick über meine Portraitarbeiten zu bekommen – „das Arbeiten des Sehens in das Arbeiten des Zeigens zu führen“, wie es die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn mal treffend formulierte. Der eigene kreative, künstlerische Prozess geht also weiter und zeigt sich dann entweder in einer Ausstellung oder in einem Fotobuch oder auch in einem Platin-Palladium-Abzug.

Bis dahin werde ich in unregelmäßigen Zeitabständen das ein oder andere Portrait gegen ein anderes austauschen oder hinzufügen.

November 2019

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Eight-by-Ten

Januar 2020 – Der Start

Ich werde von Januar bis Dezember 2020 in dieser Strecke nur Portraits zeigen, die mit der 8×10 Großformatkamera aufgenommen wurden. Jeden Monat 2-3 Portraits, wobei ich alte Aufnahmen mit neuen mischen werde. Das Besondere an dieser Strecke ist, dass alle hier gezeigten Personen mir bekannt sind, im Gegensatz zu den Personen in den Strecken von 2019, wo ich – bis auf Verwandte und Kollegen – nur wenige kannte.

Es gab für die Porträtierten keine Anweisungen, nur den Hinweis, dass ich sie vor einem neutralen Hintergrund mit einer großen Kamera fotografieren werde und sie etwas Zeit mitbringen sollten. Auch hier stand für mich im Vordergrund, der Versuch einen/meinen visuellen Ausdruck des menschlichen Daseins in einem einfachen Portrait zu erfassen – es ist für mich das gleiche Ringen, „… um das Wesen des Lebendigen …“ wie Patricia Rubin in „Gesichter der Renaissance“ zur Portraitmalerei geschrieben hat.

Der Start beginnt mit einem Stillleben und dem Licht meines Lebens (Foto 2, 3 links). In unregelmäßigen Abständen werde ich auch weiterhin Stillleben dazwischen legen. Diese Strecke „wächst“ online. Ich bin selbst gespannt, wie sie im Dezember 2020 aussehen/enden wird.

Angewandte Technik: Als 8×10‘ Planfilme: den Tmax 400 und den HP5+. Die Toyo 8x10M mit 355mm G-Claron und 240mm Symmar-S. Diese Anwendung ist eine über 100 Jahre alte Fototechnik (ich meine nicht das Alter der Kamera oder der Objektive), wobei ich zusätzlich die gescannten Negative mit der heutigen digitalen Bildbearbeitung weiterverarbeite. Dabei wende ich nur Techniken an die ich schon damals auch in der analogen Dunkelkammer gemacht habe – Abwedeln, Nachbelichten, Masken schneiden, Papiergradationsauswahl (Kontraste-setzen).

Der schwarze Rand ist digital eingefügt und zeigt nicht den Rand eines 8×10-Negativs. Aber auch nicht meinen Blick während der Aufnahme – ich behalte mir immer vor, bei Negativen mit Ausschnitten zu arbeiten. Der schwarze Rand dient allein zur Abgrenzung vom weißen Hintergrund.

Farbe des Portrait-Hintergrunds: In der Strecke „Das Fest“ von 2019 behaupte ich, dass ein schwarzer Hintergrund nichts macht, was natürlich nicht ganz stimmt. Er macht zwei Dinge, aber ich will sie nicht in meinen Fotos sehen:

  1. die Suggestion einer Bewegung. Renaissance-Portraitmaler experimentierten mit schwarzen Hintergründen, um ihren an sich statischen Portraits etwas Bewegung bzw. Dynamik zu verleihen. So im Sinne, kommt aus dem Dunkeln und verschwindet wieder im Dunkeln.
  2. die Lichtsetzung im Portrait wird zu sehr betont. Ein geäußerter Gedanke von Gregory Heisler (amerikanischer Portraitfotograf) gefällt mir besonders, „das beste Portraitlicht ist das Licht, das man nicht sieht“. Wenn sich bei der Betrachtung eines Portraits mit einem schwarzen Hintergrund, der Gedanke „die Lichtsetzung ist schön“ (oder ähnliche Äußerungen) in den Vordergrund drängt, wird verständlich, was Heisler meint. In der Portraitfotografie geht es in erster Linie um den Menschen und nicht um die Lichtsetzung.

Verwendet man aber einen grauen Hintergrund, so verschwindet die Suggestion einer Bewegung und auch die Lichtsetzung wird undeutlicher. Bei einem weißen Hintergrund dagegen ist in der Betrachtung des Fotos beides völlig verschwunden. Die Menschen wirken irgendwie nach vorn gedrückt. Der weiße Hintergrund macht die Portraitierten präsenter.

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Februar 2020 – Die fiktive Präsenz

Bei den Fotos 3 rechts, 4, 5 mit dem grauen Hintergrund habe ich den Eindruck, dass die Personen in ihrer visuellen Präsenz nicht so nach vorn gedrückt wirken. Sie scheinen etwas weniger präsent zu sein. Dafür wirkt die Lichtsetzung etwas deutlicher. Der Kunsthistoriker Hans Belting spricht in seinem Buch „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ sogar von einer fiktiven Präsenz. Er schreibt: „Ein Portraitfoto zeigt die fiktive Präsenz eines Abwesenden“. Absolut treffend und mehr ist auch nicht zu sehen. Kein Hinweis auf Persönlichkeit oder Charakter oder Seele usw. – nur die fiktive Präsenz.

Unverständlich bleibt für mich, dass es immer noch einige Fotografen und auch Kuratoren gibt, die den Mythos einer Persönlichkeitsdarstellung in der Portrait-Fotografie weiterverbreiten. Das psychologische Konstrukt Persönlichkeit lässt sich durch Persönlichkeitseigenschaften beschreiben, die zeitaufwändig erfasst werden, um unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen voneinander besser abgrenzen zu können. Eine Fotografie kann so etwas nicht leisten. Könnten sonst Psychologen und Therapeuten eine Kamera nicht als Diagnoseinstrument verwenden?

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März 2020 – Gemüse-Stillleben I

Bei den beiden Kopfportraits (Foto 6+7) handelt es sich um Ausschnitte aus dem jeweiligen 8×10-Negativ. Ich „drehte“ die Regler von Silver Efex Pro bis zur Schmerzgrenze, um diesen „harten Look“ zu bekommen (es ist kein Preset – ich folgte nur meiner inneren Vision). Demgegenüber habe ich passend die zarten Formen von Gemüse (Kohlrabi Doppel-Foto 8 und Brokkoli Foto 9) hinzugefügt.

Angewandte Technik: Für einen Moment habe ich das „Eight-by-Ten“-Konzept bei dem Gemüse-Stillleben verlassen und mit einer Mittelformatkamera fotografiert. Was ist passiert? Das Gehäuse meiner 500 C/M hatte einen mechanischen Defekt und musste repariert werden. Die Kosten hätten bei 500 € gelegen. Ich entschied mich gegen eine Reparatur und kaufte mir für das Geld ein „neues“ gebrauchtes Hasselblad 503-Gehäuse. Warum? Bei der 500 C/M wird vermutet, dass die Innenbeschichtung des Gehäuses mit der Zeit zerbröselt. Mit der Einführung der 503 im Jahre 1988 hat Hasselblad dem Gehäuse eine neue Palpas-Beschichtung gegeben. Zwar hatte meine über 30 Jahre alte 500 C/M diese Zerbröselung nicht, aber das Angebot der 503 war zu gut. Ein weiterer Vorteil ist, ich brauche mich nicht umzugewöhnen, sie funktioniert wie die alte 500 C/M. Als die 503 bei mir ankam, musste ich sie sofort ausprobieren und so entstanden die Gemüse-Stillleben mit dem 120mm Macro-Planar.

 

April 2020 – Ein Blitzkopf

Es sind vorerst die letzten aktuellen 8×10 Portraitaufnahmen, die ich in der „Eight-by-Ten“ – Strecke vorstelle. Wegen der Kontaktsperre kann ich vorläufig keine Menschen in meinem kleinen Studio fotografieren.

Wie kann es bei mir weitergehen? Ich habe die Möglichkeit auf ältere 8×10 Portraitaufnahmen zurückzugreifen oder ich arbeite mit der Großformatkamera an der Stillleben-Strecke weiter, die ich letztes Jahr begonnen hatte oder ich mische beides oder ich fahre einfach nur Fahrrad.

Angewandte Technik: Da mehr Menschen jetzt auch mehr Zeit zum Lesen haben, beschreibe ich hier meine Aufnahmetechnik (es ist kein Königsweg, sondern nur mein Weg).

Beim Fotografieren mit der Großformatkamera arbeite ich mit einem 3000 Ws Blitzgenerator von Hensel, der zwei Blitzköpfe bedienen kann. Bei diesen drei Portraits (Foto  10, 11, 12) verwendete ich aber nur einen Blitzkopf, der mit etwa 2000 Ws angesteuert wurde. Diese hohe Lichtleistung ist bei einer 8×10 notwendig, um auf Blendenwerte von 32 bis 45 zu kommen, die mir genügend Tiefenschärfe von 30-40 cm geben (Menschen halten nicht immer still).

Ein ähnlicher Vergleich mit meiner Mittelformatkamera zeigt, dass bei gleicher Blende von z.B. 32 die Tiefenschärfe etwa 2 m groß ist. Bedeutet letztendlich, dass ich bei 6×6 Portraitaufnahmen mit weniger Licht auskommen kann – so etwa 150 Ws, die mir ein 600 Ws Monoflash ebenfalls von Hensel liefert. Hiermit ist bei Blende 11 eine ausreichende Tiefenschärfe von fast 60 cm möglich.

Als Lichtformer war eine Softbox mit Wabe an dem Blitzkopf befestigt, der in einem 45Grad-Winkel zur Person steht. Ziel ist es, eine Dreidimensionalität in einem zweidimensionalen Foto zu erreichen (die eine Gesichtshälfte ist hell, die andere ist dunkel). Ich messe nur mit einem 5º-Spotvorsatz an dem Minolta IV-Blitzbelichtungsmesser die helle Gesichtshälfte  und öffne den angezeigten Blendenwert um 1-2 Blenden (mache ich das nicht, bekomme ich die helle Gesichtshälfte in einem mittleren Grau – ich möchte sie aber in einem hellen Grau haben). Eine weitere Messung, z.B. auf die Schatten, nehme ich nicht vor. Meine Schatten haben immer genügend Zeichnung im Negativ. Den Grund sehe ich darin, dass ich mit einer geeichten Film-Entwickler-Kombination (TMax 400, HP5+,/ D-76 oder Xtol oder HC-110) arbeite, wo ich durch Tests meine persönliche „effektive Filmempfindlichkeit“ und die dazu gehörige Entwicklungszeit gefunden habe. Festgestellt habe ich dabei, dass die Filmempfindlichkeit bei Blitzlicht nochmals um 1-2 DIN weniger ist als bei Tageslicht. Ich vermute, dass die spektrale Zusammensetzung der Blitzlichtröhre etwas anders ist als bei Tageslicht. Ein Beispiel: bei Tageslicht ist meine „effektive Filmempfindlichkeit“ bei (24 DIN) und bei Blitzlicht (22 DIN). Ich arbeite ausschließlich mit 27 DIN (400 ASA) – Filmen.

Im Mai zeige ich 8×10 Portraitaufnahmen mit zwei Blitzköpfen.

 

Mai 2020 – Zwei Blitzköpfe

Nach etwas längerem Suchen fand ich diese drei 8×10 Aufnahmen in meinem über 35 Jahre altem Fotoarchiv. Wegen der archivfesten Negativverarbeitung sahen diese Negative so frisch aus wie am ersten Tag, und es gab keinerlei Probleme beim Scannen. Für mich ein weiteres Argument für das Fotografieren auf Film, denn es ist das beste Backup-System, das ich kenne. Hätte es vor 35 Jahren digitale Datenträger gegeben und ich hätte sie darauf gespeichert und anschließend vernichtet, würde ich wahrscheinlich meine Aufnahmen heute nicht anschauen können, weil alte Datenträger auf heutigen Computern nicht mehr lesbar wären. Meine mittlerweile digitalisierten Negative speichere ich einmal intern auf den Mac und auf vier externe Festplatten – ein Paar ist in der Wohnung, das zweite Paar ist außerhalb – falls mal bei mir Feuer ausbrechen sollte.

Angewandte Technik: Bei diesen drei Portraitaufnahmen (Foto 13, 14, 15) verwendete ich zwei Blitzköpfe und den 3000 Ws Blitzgenerator. Als Lichtformer dienten zwei Reflexschirme mit silberner Innenfläche. Die Blitzköpfe blitzten in die Schirme und standen jeweils rechts und links in einer 45º-Stellung zur Person. Ziel war es, eine gleichmäßige Ausleuchtung der Person zu erhalten. Mit dem 5º Minolta IV-Blitzbelichtungsmesser habe ich nur das Gesicht angemessen und die erhaltene Blende um einen Wert geöffnet.

Als Planfilm nahm ich den Tmax 400 und entwickelte ihn jeweils mit 3 weiteren per Hand in der Schale mit HC-110 (1+43). Mittlerweile ist der Tmax 400 mit ca. 15-18€ pro Film für mich zu teuer geworden und ich wechselte nun zum bezahlbaren HP5+. Auch verwende ich den HC-110 Entwickler nicht mehr, denn ich bin von der Schalenentwicklung zur Rotationsentwicklung mit der JoboDrum 3005 auf den Durst Comot-Roller übergegangen. Für die Schale brauchte ich über 3 Liter Entwicklerflüssigkeit, (was mit der hohen Verdünnbarkeit von HC-110 machbar war), und für die JoboDrum nur 500 – 600 ml (ebenfalls mit 4 Filmen). Als Entwickler nahm ich den bewährten D-76 (1+1). Zur Zeit eiche und teste ich unverdünnten Xtol-Entwickler, den Bill Troop und Steve Anchell, neben D-76, in ihrem informationsreichen Buch „The Film Developing Cookbook“, 2. Auflage, für die Rotationsentwicklung ausdrücklich empfehlen.

Wenn man beide Lichtsetz-Techniken miteinander vergleicht, steht meiner Meinung nach die gleichmäßige Ausleuchtung der dreidimensionalen in nichts nach, denn in der Portraitfotografie kommt es nicht auf die Lichtsetzung, sondern auf einen Ausdruck des Menschlichen oder wie es Patricia Rubin formulierte „um das Wesen des Lebendigen“ an. Danach suche ich immer in einem einfachen Portrait.

Jan.-Dez. 2020
zu den Fotos

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